Praxis für Psychoanalyse und Gruppenanalyse Praxis für Psychoanalyse und Gruppenanalyse Praxis für Psychoanalyse und Gruppenanalyse Sonja Wuhrmann | Sprecherstrasse 4 | 8032 Zürich

Der Geburtenrückgang und seine möglichen Folgen für die Zukunft machen zur Zeit Schlagzeilen. 30% der Akademikerinnen entscheiden sich für eine berufliche Karriere und gegen Kinder. Einerseits bleibt jedes fünfte Paar kinderlos, weil dem Wunsch zu spät Rechnung getragen wird, andererseits sagen Frauen, dass sie nie einen Kinderwunsch hatten. Was bedeutet aber der offenbar verzögerte oder fehlende Wunsch nach einem Kind? Geht man davon aus, dass der Fortpflanzungstrieb biologisch bedingt ist, so ist zu fragen, ob die Biologie von der Kultur bestimmt wird, wie dies z.B. Farhad Dalal postuliert, oder ob sie sich nicht gerade unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen deutlich bemerkbar macht, als – mit den Worten Freuds - „der gewachsene Fels“ (S.382).

Eine weiter führende Frage lautet, ob der Begriff „Gender“, der den Begriff der Gleichberechtigung abgelöst hat, und die noch jüngere Bezeichnung „Diversity“, die nun alles in sich vereinigt - Geschlechtszugehörigkeit und Kulturzugehörigkeit - nicht der Verleugnung dient, indem dem biologischen Geschlecht immer weniger Bedeutung beigemessen wird. Reimut Reiche schreibt in seinem Aufsatz „Gender ohne Sex“: „Der Sieg von Gender über Sex ist ein Zeitzeichen. In ihm verdichten sich drei Wünsche. Der erste Wunsch: der Zersetzung der starren, konventionellen Geschlechtsrollen-Stereotype mögen „reale“ geschichtliche Tendenzen zur Auflösung der Geschlechtsgrenzen entsprechen; der zweite Wunsch: dem sexuellen Konflikt dadurch zu entgehen, dass man ihn für gelöst erklärt und sein Substrat als „meine Identität“ behauptet; der dritte Wunsch: die neuen Begriffe, die sich aus dem Zwang ergeben, universelle Probleme immer wieder neu zu formulieren, mögen auf ein noch nie dagewesenes Neues verweisen.“ (S.143.).

So paradox es tönt, aber es scheint, als würde sich eine Spaltung zwischen männlich und weiblich akzentuieren, obwohl Gleichberechtigung - oberflächlich gesehen - zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das Begehren nach Macht, das der männlichen, der phallischen Seite zugesprochen wird, steht offenbar noch immer im Widerspruch zur weiblich fürsorglichen Seite. Ein Widerspruch, der eine Verunsicherung in der Entwicklung zur weiblichen Identität als Folge gesellschaftlicher Veränderungen mit sich bringt.

Das bedeutet, dass nach wie vor keine konstante innere Vorstellung von männlich/weiblich bzw. aktiv und passiv etabliert ist, sondern dass das Weibliche noch immer dem Männlichen untergeordnet ist. Diese These vertritt auch Elisabeth Rohr in ihrem Artikel „Macht und Geschlecht in Organisationen“ (Haubl, et.al. 2005).  Die sich langsam verändernden Geschlechter- und Machtverhältnisse in Organisationen hätten eine Unübersichtlichkeit und Geschlechterunordnung zur Folge, indem die Begegnung der Geschlechter keinem spezifisch sozialen oder kulturellen Muster mehr folge. Nichtsdestotrotz seien Organisationen aber nach wie vor männlich geprägt. „Auf der Ebene psychischer Verinnerlichungsprozesse ist demzufolge der gesellschaftliche Wandel in den Geschlechter- und Machtverhältnissen der Organisationen nicht nur nicht nachvollzogen, sondern im Gegenteil: offensichtlich wird noch an einer traditionell etablierten und historisch überholten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern festgehalten, und zwar selbst bei einer Generation, die zumindest in grossen Teilen von berufstätigen Müttern aufgezogen worden sein dürfte“ (S.86).

Auch wenn heute Frauen sozusagen eingeladen werden, Führungspositionen einzunehmen, ja  jede internationale Organisation besonders stolz  darauf ist, wenn sie auf eine Frau an der Spitze verweisen kann, so sind die Frauen auf dieser Ebene nach wie vor stark untervertreten. Solange sie nicht in Massen in den Führungsetagen anzutreffen sind, so lange sind sie wohlgelitten. Anders wird es erst, wenn Gleichberechtigung auch mit Quote verbunden wird, wie es in der Schweiz kürzlich geschehen ist. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die schweizerische Aussenministerin, hatte sechs von zehn Männern den Eintritt in den diplomatischen Dienst, trotz bestandener Prüfung, verweigert. Weil nur vier Frauen die Prüfung bestanden hatten, wurden auch nur vier Männer zugelassen. Ein Sturm der Entrüstung über die Männerdiskriminierung war das Resultat.

Ebenfalls in der Schweiz waren eine Zeitlang gleichzeitig zwei Frauen in der Regierung vertreten,  und der siebenköpfigen Regierung, die vom Parlament gewählt wird, hätten sogar beinahe drei Frauen angehört. Aus der einen Partei, die einen Sitz zu verteidigen hatte und die einen Mann und eine Frau zur Wahl stellte, wurde der Mann gewählt. Und zum ersten Mal seit 1872 kam es zu einer Abwahl, weil eine Person zuviel zur Wahl stand. Eine durch zwei Mitglieder vertretene Partei musste aufgrund ihrer Mandatsverluste einen Sitz zugunsten der nun stärkeren Partei abgeben. Von den amtierenden zwei, ein Mann und eine Frau, wurde die Frau abgewählt. Jetzt ist nur noch eine Frau im Bundesrat, die vorher erwähnte Micheline Calmy-Rey. Zufall oder hatte man der Gleichberechtigung bereits Genüge getan? Frauen im Parlament, die ebenfalls für den Mann und gegen die Frau gestimmt hatten, sagten im Anschluss an das Wahlresultat, dass diese Bundesrätin zuwenig Rücksicht auf die informellen Strukturen im Bundeshaus genommen habe und deshalb keine genügend starke Lobby hatte aufbauen können. Diese Frau, mit 35 Jahren zur jüngsten Ministerin gewählt, hatte ihre Lust an der Macht unverkrampft und deutlich gezeigt und sich nicht gescheut, die damit verbundenen Privilegien auch zu nutzen, wie z. B. mit  dem Regierungsjet am Wochenende nach Hause zu fliegen. Dieser Frau, die sich - entgegen dem schweizerischen Charakter - nicht genügsam und bescheiden verhielt, wurde ein Denkzettel verpasst. Sie hatte sich getraut, sich von den Frauen zu differenzieren. Sie war nicht mehr gleich und nicht dankbar genug.

Im Gegensatz dazu, so scheint es, versucht nun Angela Merkel zu betonen, dass sie eine von uns geblieben ist. Die Insignien der Macht lehnt sie, entgegen den deutschen Gepflogenheiten, ab. Sie zieht nicht in den ihr zustehenden  Regierungswohnsitz um und sie kauft weiterhin selber auf dem Markt ein. Wo sie sich vorher offensichtlich weder um männlich noch um weiblich geprägtes Verhalten  gekümmert hatte, ja eher den Eindruck hinterliess, dass sie sich weder um gesundes Gemüse kümmerte noch darum, wie sie aussah  - also etwas sehr Eigenständiges ausgestrahlt hatte – betont sie jetzt ihre  Weiblichkeit auch im Auftreten. So als müsste sie ihre Macht möglichst ungesehen machen, um uns und sich nicht zu beunruhigen.

Ich möchte mich im Folgenden auf diese konflikthafte Spannung zwischen Frauen beschränken, da sie m. E. dazu beiträgt, dass es noch immer Mut erfordert, sein Begehren nach Macht und Einfluss zu zeigen. Das Bedürfnis von Frauen, gerade von Frauen unterstützt zu werden, ist meist nicht das Thema. Genau hier stellt sich mir aber die Frage, ob diese „Auslassung“ nicht auf einen Konflikt verweist, der nicht nur im Gesellschaftlichen, sondern auch im Biologischen begründet liegt.

„Mit Franziska bin ich nicht mehr befreundet. Seit sie Teamleiterin ist, nimmt sie sich so wichtig“, sagt die eine. Eine andere mokiert sich: „Sie spielt die Vorgesetzte, dabei ist sie nur eifersüchtig, dass ich bei den Männern besser ankomme“. Aussagen von Frauen gegenüber Frauen, die nicht fiktiv sind, sondern alltäglich. Auf Seite der Leitenden kann es allerdings so aussehen; auftauchende Schuldgefühle den Teammitgliedern gegenüber werden abgewehrt, indem alles vermieden wird, was sie als Vorgesetzte kennzeichnen würde. Die Folge ist, dass sie die Verantwortung alleine trägt und zuviel übernimmt, dabei aber zunehmend gekränkt reagiert, weil keine Dankbarkeit zurückkommt. Das Resultat ist eine Kommunikationsstörung, weil die Differenz auf beiden Seiten verleugnet wird. Diese Situation beschreibt auch Rolf Haubl in seinem Buch „Neidisch sind immer nur die anderen“ (2003) als eine typische Konstellation unter Frauen. Dass diese konflikthafte Spannung zwischen Frauen in der Regel auf den Neid reduziert wird, davon zeugen auch Ratgeber wie zum Beispiel: „Achtung: Kollegin“ (M. Keuthen, 2004) oder „Zicken unter sich“(A. Busse, 2004). Im 1990 erschienenen Buch „Konkurrenz. Ein Tabu unter Frauen“ (Hg: Valerie Miner und Helen E. Longino),  beschreiben amerikanische Feministinnen ihre Enttäuschung. Die Ernüchterung über die destruktive Konkurrenz zwischen Frauen, die dann entsteht, wenn die Einen tatsächlich erfolgreich sind. Der Kampf gegen das Patriarchat wird plötzlich zum Kampf unter Frauen, weil Unterschiedlichkeit und Differenz sichtbar werden.

Beschränkt man sich aber in der Betrachtung auf den Neid, dann bestätigt man eigentlich Freuds These vom Penisneid. Nach Freud beginnt ja auch das Mädchen als „kleiner Mann“, indem es die Mutter aktiv liebt. Erst in der ödipalen Phase, wenn es den Penismangel bei der Mutter und bei sich selbst entdeckt, wendet es sich aus Enttäuschung von der Mutter ab und dem Vater zu. Dabei muss es von der aktiven in die passive Position wechseln, um die Hoffnung aufrecht erhalten zu können, doch noch einen Phallus zu bekommen, nun vom Vater. Damit bleibt dem Mann das aktive Begehren vorbehalten, weil er der Träger des Phallus ist. Der Frau bleibt nur das Begehrtwerden als Objekt in der passiven Position. Der Phallus repräsentiert damit den Unterschied, die Macht und das Begehren. Freud zufolge verfügt die Frau über kein eigenes Begehren und entwickelt darum den Penisneid – die Verkörperung des Begehrens. Weibliches Begehren zeige sich deshalb im Neid.

Betrachtet man Freuds Denken im gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit, so mussten sich Frauen mit der passiven Position begnügen. Während er aber von der Biologie ausging und damit von einer unveränderlichen naturgegebenen Anlage, so ist das Verständnis heute ein ganz anderes. Der gesellschaftliche Wandel scheint die Biologie zu dominieren, indem es keine naturgegebenen Hindernisse für eine Frau gibt, nicht dasselbe zu tun wie ein Mann. Wenn Neid also trotzdem als Thema noch auftaucht, was steht dann dahinter?

Der Wunsch Karriere zu machen, bedeutet trotz aller gegenteiliger Behauptungen noch immer, in eine männliche Welt – und in der Folge möchte ich das als väterliche Welt bezeichnen - einzutauchen. Solange sich Frauen in Führungspositionen alleine oder in der Minderheit befinden, solange wird ein Gegensatz zwischen väterlicher und mütterlicher Welt bestehen bleiben. Daran ändert auch wenig, dass Frauen anders führen, indem sie der Beziehungspflege einen höheren Stellenwert beimessen. So lange das Ungleichgewicht anhält, bedeutet das für eine Frau noch immer, sich der einen Welt zu-  und von der anderen abzuwenden.

Meine Hypothese ist, dass dabei ein Konflikt aus der Wiederannäherungsphase aktualisiert wird. Der Konflikt zwischen Selbstbehauptung und Trennungsangst, dem Jessica Benjamin eine grosse Bedeutung für die Entwicklung des weiblichen Begehrens beimisst   Das Paradoxon, das sie darin sieht, dass der Moment der Erkenntnis des eigenen Tuns und der Selbstbehauptung verbunden ist mit dem Bedürfnis nach Anerkennung gerade durch die Person, von der das Kind zutiefst abhängig war, der Mutter. Individuation und Loslösung als Grundkonflikt von Gleichheit und Differenz in der weiblichen  Entwicklung.

Das Begehren nach Macht, das - so würde ich betonen - insbesondere mit dem Bedürfnis nach Anerkennung durch die Basis, die Gruppe, von der man sich differenziert, verbunden ist, wird häufig gerade von dieser Gruppe attackiert, von den Freundinnen und Arbeitskolleginnen. Sie  repräsentieren damit  unbewusst eine mütterliche Instanz, die die Loslösung der Tochter als Kränkung erlebt. Schuldgefühle werden aktualisiert, weil sich die Begehrende von der Mutter ab- und dem Vater zuwendet. Auf der Seite der Kolleginnen wird derselbe Konflikt aktualisiert, aber in Bezug auf die mütterliche Dominanz, aus deren Abhängigkeit das Mädchen entfliehen möchte.

Nach Benjamin bedeutet das, was Freud als Penisneid bezeichnet, die männliche Orientierung des kleinen Mädchens, den Wunsch von Kindern beiderlei Geschlechts, sich darum mit dem Vater zu identifizieren, weil er der Repräsentant der Aussenwelt ist. Während er Unabhängigkeit symbolisiert, repräsentiert die Mutter Abhängigkeit. Individuation und Loslösung fallen mit dem Beginn der analen Phase zusammen und stellen einen wichtigen Übergang in der psychischen Entwicklung dar, weil der Konflikt zwischen Selbstbehauptung und Trennungsangst mit der Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes zusammenfällt. Im Gegensatz zum Knaben erfährt das Mädchen von Beginn an Gleichheit, die sich durch das tiefe Verständnis der Frau für den Körper des Mädchens mitteilt (Doris Bernstein). Der körperlich sichtbare und erfahrbare Unterschied dagegen fördert beim Knaben den Ablösungsprozess und im Fremden, dem Vater, stösst er auf das Vertraute, auf ein „ich bin wie du“. Die Individuierung des Mädchens dagegen muss innerpsychisch geleistet werden, indem es ein, „ich bin nicht wie du, ich will sein wie der Vater“ etablieren muss. Dabei stösst es aber beim Vater auf ein „du bist nicht wie ich“. Diese Phase, die dadurch geprägt wird, dass das Kind seinen Willen und seine Handlungsfähigkeit in Bezug zur grösseren Macht der Eltern immer wieder ausprobiert, um sich als Subjekt zu erfahren, hat m. E. besonders beim Mädchen auch mit der Bemühung um Differenz von der Gleichheit zu tun. In dieser Phase entwickelt das Kind das Begehren. Das Begehren nach Anerkennung als Person, als Subjekt, das über eigene Handlungsfähigkeit verfügt und damit eine Wirkung erzielen kann. Wird das Mädchen in diesem Bemühen um Selbstbehauptung nicht anerkennend genug gespiegelt, so wird es sein Begehren als beschämend erleben.

Die Identifikation mit dem Vater ermöglicht die Loslösung aus der Abhängigkeit zur Mutter. Von Anfang an repräsentiert der Vater das erregende, stimulierende Andere, das Fremde. Er ist der Vermittler der Aussenwelt, der einen Gegenpol zur Welt der Abhängigkeit der Mutter darstellt. Loslassung und Individuation sind also untrennbar verknüpft mit der Etablierung der geschlechtlichen Identität. Und hier sieht Benjamin auch den kulturellen Einfluss, der das Männliche dem Weiblichen überordnet. Wenn Vater und Mutter nicht gleichwertig sind, dann müssen die elterlichen Identifikationen im Gegensatz zueinander stehen. Die Möglichkeit, den Konflikt zwischen Abhängigkeit und Autonomie zu lösen, liegt dann in der Spaltung zwischen der haltenden Mutter, die entwertet, und dem erregenden Vater, der idealisiert wird. 

Warum nun die Annahme einer Aktualisierung dieses Konflikts, wenn  sich eine Frau für eine Führungsposition entscheidet? Da sie in der Regel allein oder in der Minderheit ist, heisst das auch, dass sie das Begehren, Macht und Einfluss auszuüben, aktiv vertritt, damit Teil der männlichen Welt wird und sich von der Weiblichen differenziert. Das Bedürfnis nach Anerkennung dieses Wunsches richtet sich aber im Grunde auf die eigene Gruppe, von der nicht nur Erlaubnis sondern auch Unterstützung zur Differenzierung erhofft wird. Es ist kein Widerspruch, dass Frauen in Führungspositionen, auf die Quotenfrage angesprochen, in der Regel heftig reagieren. Betont wird jeweils die Unterstützung durch die Männer und die  eigene Leistung. So als fürchteten sie, auf das Geschlecht reduziert zu werden und  damit ihrer Individualität verlustig zu gehen. Solange Frauen aber in der Minderheit sind, solange werden sie im Grunde Quotenfrauen bleiben.

Wenn der vorher beschriebene Konflikt aktualisiert wird, dann muss er ja, wenn wir der Theorie Benjamins folgen, das Geschlecht mit einbeziehen. Und hier kommt die bekannte Spaltung ins Spiel. Unabhängigkeit und selbstbestimmendes Tun stehen im Widerspruch zur fürsorglichen, mütterlichen und aufnehmenden Haltung. Das bedeutet eine zwangsläufige Abwendung von der weiblichen und eine Hinwendung zur männlichen Welt. Die gegenseitige konflikthafte Spannung, die damit zwischen Frauen erzeugt wird, dürfte diese Spaltung zum Inhalt haben, die das zentrale Thema reflektiert, nämlich Differenz und Gleichheit.  Denn ein inneres Bild eines fürsorglich haltenden und gleichzeitig aktiv begehrenden Subjekts kann innerpsychisch nicht etabliert werden, wenn es nicht auch in der Gesellschaft verankert ist. Diese Zerrissenheit  drückt sich oft in sexuellen Schwierigkeiten aus. Eine Spaltung zwischen Begehren und Sexualität, was sich auch im fehlenden Kinderwunsch äussern könnte.

Vielen Frauen mit solchen Schwierigkeiten begegnen wir in unseren Gruppen- und Einzeltherapien. So sagt eine Teilnehmerin in der Gruppe, die sich ein Kind wünscht, als sich das Thema um sexuelle Lustlosigkeit in der Beziehung dreht: „Da ich ein Kind will, kann sich mein Mann nicht beklagen, und seit ich die Pille abgesetzt habe, habe ich auch mehr Lust. Ich bin erleichtert, zu wissen, dass meine Unlust an der Pille lag. Aber ein Kind zu machen, hat nichts mit Sexualität zu tun.“  Das aktive sexuelle Begehren muss abgewehrt werden, weil es nicht vereinbar ist mit einer fürsorglich haltenden und vor allem entsexualisierten, mütterlichen Position.

Auffallende Parallelen zeigen sich bei Frauen, die ihr Begehren nach Anerkennung durch intellektuelle Leistung und entsprechender Position nicht zeigen können, weil unerträgliche Schamgefühle damit verbunden sind.

Von einer Frau möchte ich berichten. Die 38-jährige attraktive und sehr weibliche Frau beschäftigt sich mit ihrem starken Wunsch, eine Leitungs-Position einzunehmen. Als Beraterin arbeitet sie in einem ausgesprochen männlichen Umfeld, in dem Leistungs- und Zielorientiertheit oberstes Prinzip darstellen. Arbeitszeiten fast rund um die Uhr und befristete Einsätze in immer wieder anderen Organisationen sind der Alltag. Von ihren Vorgesetzten wird sie immer wieder enttäuscht, weil Versprechungen auf Projektleitungen gemacht, aber immer wieder zurückgezogen werden. Ihre erst langen Haare werden im Laufe der Zeit immer kürzer, weil sie sich als zu weiblich empfindet. Als sie in einer Stunde davon spricht, dass sie das Gefühl hat, dass es ihr seit sieben Jahren immer schlechter geht, frage ich, was damals geschehen sei. Einige Stunden später kommt sie darauf zurück. Vor sieben Jahren hätte sie die Prokura erhalten und ihr sei, als bewege sie sich seit dieser Zeit immer im Zwiespalt mit dem Wunsch, eine Leitungsposition einzunehmen, und der Angst, dem nicht gerecht werden zu können. Diese Ambivalenz hindert sie auch daran, sich von dieser enttäuschenden Firma zu trennen. Sozial zurückgezogen, lebt  sie ihre Beziehungen zu Männern in heimlichen Affären aus, in denen sie sich als Objekt in der passiven Situation erlebt, so als müsste sie auch da ihr eigenes Begehren verleugnen. Am Arbeitsplatz vermeidet sie jeden persönlichen Kontakt, konzentriert sich auf die Arbeit und fühlt sich überfordert, wenn sie mit den Mitarbeitenden Mittagspause machen soll. Seit Jahren träumt sie von einem bestimmten Auto, das sie sich durchaus leisten könnte. Die Realisierung schafft sie nicht, weil sie fürchtet, damit den Neid des Vaters auf sich zu ziehen, der sich kein solches Auto leisten könnte. Auf jeden Wunsch, den sie sich erlaubt, folgen Fantasien, schwer krank zu werden oder zu sterben. Der zeitweise intensive Kinderwunsch wird mit der Fantasie abgewehrt, dass sie für ihr Kind zerstörerisch wäre. Während der Vater als der strafende, verurteilende und verbietende Elternteil präsent ist, erschien die Mutter lang Zeit wie ohne eigene Identität und wie nicht vorhanden. Das Selbstbild ihrer Weiblichkeit spiegelte sich in der Gegenübertragung darin, dass sie sich nur langsam in eine Beziehung zu mir einlassen konnte, in der ich mich lange Zeit als Objekt benutzen liess, indem sie entschied, wann sie kam und wann nicht, was natürlich auch bedingt war durch ihr Arbeit als Beraterin. In dem Mass, in dem es ihr gelang, ihre Angst vor Abhängigkeit zu bewältigen, entwickelte sie zunehmend Freude und Neugier, ihre Gedanken zu formulieren und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Lange Zeit schien es sehr wichtig zu sein, sich bei mir rückzuversichern, ob ich ihren Gedankengängen folgen und sie mit ihr teilen konnte. Dies verstand ich als das Bedürfnis nach Anerkennung ihrer eigenen Gedanken bzw. nach Anerkennung als Subjekt. Zunehmend konnte sie von Erfahrungen erzählen, in denen sie sich, wie sie sagte, ganz so fühlte, als würde sich ein Teil, der immer gefehlt hatte, genau passend in ein vorher bestandenes Loch einfügen. Erst ab diesem Zeitpunkt begann die  Mutter in ihren Erzählungen aufzutauchen, verbunden mit dem Gefühl des Verrats. Dabei wurde deutlich, wie schwer es ihr fiel, sich mit dieser Mutter, die sie als Vorbild ablehnte, als Frau zu identifizieren. Parallel dazu bekam die Sehnsucht, sich mit Frauen auszutauschen, mehr Raum, begleitet von der Angst vor emotionaler Verstrickung. Die Integration ihrer weiblichen Seite ermöglichte ein sich langsam veränderndes Selbstbild, was auch darin zum Ausdruck kam, dass sie darüber zu fantasieren, begann, was es bedeuten könnte, wenn sie Arbeitskolleginnen und -kollegen zu sich nach Hause einladen würde. Die Vorstellung, sich mit ihren Bedürfnissen zu zeigen, löste nun nicht mehr unerträgliche Schamgefühle aus, aber die Vorstellung, sich von ihrer verletzlichen Seite ungeschützt zu zeigen.

Und damit kehre ich zum Anfang zurück, um die eingangs gestellte Frage, ob die Kultur die Biologie bestimme oder ob sich die Biologie nicht gerade unter dem gesellschaftlichen Druck bemerkbar mache, zu beantworten. Würde die Kultur die Biologie bestimmen, so müsste der Geburtenrückgang mit dem Verlust der Gebärfähigkeit erklärt werden. Verlustig gegangen ist aber nur der Wunsch und nicht die Fähigkeit. Der mangelnde Kinderwunsch aber scheint darauf hinzuweisen, dass wir Gefahr laufen, die Realität des biologischen Unterschiedes zu vernachlässigen, weil Gleichberechtigung auch heute noch von einer Gesellschaft ausgeht, die bei beiden Geschlechtern nach wie vor auf einer männlichen Vorstellung beruht. Dies beinhaltet zwangsläufig eine Entwertung der Weiblichkeit, die sich unter Frauen nicht im Penisneid sondern im Konflikt zwischen Differenz und Gleichheit  ausdrückt.

Literaturliste:

  • Benjamin, J.: Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Fischer, Frankfurt a.M., 1993
  • Busse, A.:Zicken unter sich. Konflikte und Lösungen im weiblichen Konkurrenzkampf. Orell Füssli, Freiburg, 2005.
  • Rohr, E.: Macht und Geschlecht in Organisationen. In Haubl.et.al.: Gruppenanalytische Supervision und Organisationsberatung. Psychosozial Verlag, Giessen, 2005
  • Freud, S.: Die Weiblichkeit. In Neue Folge der Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse. Studienausgabe Bd.I, Fischer, 1982
  • Freud,S.: Sexualleben. Studienausgabe Bd.V, Fischer, 1982
  • Freud, S.: Die endliche und die unendliche Analyse. Schriften zur Behandlungstechnik. Studienausgabe Ergänzungsband, Fischer, 1982.
  • Keuthen, M.: Achtung: Kollegin. Wie Frauen mit weiblicher Konkurrenz souveräner umgehen können. Kösel Verlag, München, 2004
  • Miner, V. ,Longino, H.E. Hrsg.: Konkurrenz. Ein Tabu unter Frauen. Verlag Frauenoffensive, München, 1990
  • Reiche, R.: Triebschicksal der Gesellschaft. Über den Strukturwandel der Psyche. Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie Bd. 5,Campus, Frankfurt/ New York, 2004
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